
Was Caritas Kronach nicht wollte, war eine Lösung von der Stange. Was sie auch nicht wollte, war eine Software, die im Pflegealltag scheitert, weil sie zu sehr nach Entwickler-Werkzeug aussieht.
Aus dieser doppelten Anforderung, sicher und alltagstauglich, ist eine eigene Lösung entstanden, die wir gemeinsam aufgebaut haben: der Caritas Messenger, auf Matrix-Basis, mit einem pflegegerechten Frontend und einem Open-Source-Beitrag zur Administration des Matrix-Protokolls, der bis heute international weiterverwendet wird.
Heute ist der Caritas Messenger bei mehreren Caritas-Trägern im Einsatz, trägt das Datenschutz-Gütesiegel der datenschutz.cert nach Internet privacy standards, und seine technische Substanz bildet die Architektur-Basis für den TI-Messenger seit 2025.
Mai 2018.
Mit dem 25. Mai 2018 wurde die EU-Datenschutz-Grundverordnung wirksam. In den meisten Branchen war das ein Compliance-Thema mit Übergangsfristen. Im sozialen Sektor war es ein operatives Problem: Wer in einer Sozialstation, einer Pflegeeinrichtung oder einem ambulanten Dienst arbeitet, kommuniziert mit Kolleg:innen über Schichten und Standorte hinweg, oft mit dem privaten Smartphone. Bilder, kurze Sprachnachrichten, schnelle Rückfragen. Das lief, wie überall in Deutschland, weitgehend über WhatsApp.
WhatsApp war nach DSGVO nicht mehr zulässig für berufliche Kommunikation mit Personenbezug. Das war 2018 die neue Realität, und kein einzelner Träger konnte das allein lösen.
Caritas Kronach hat sich entschieden, dieses Problem nicht durch Verbote zu lösen, sondern durch eine Alternative, die im Pflegealltag funktioniert: so einfach wie WhatsApp, aber DSGVO-konform.
Eigenbau auf Matrix-Basis.
Es gab 2018 schon WhatsApp-Alternativen: Threema, Wire, Signal. Aber alle hatten aus Caritas-Perspektive eine grundsätzliche Schwäche: Sie waren fertige Produkte mit eigener Cloud-Infrastruktur, eigenem Berechtigungsmodell und eigenem Tempo der Weiterentwicklung. Wer eine solche Lösung kaufte, kaufte auch eine fortgesetzte Abhängigkeit von einem Anbieter, dessen Entscheidungen man nicht beeinflussen konnte.
Die Alternative, eine bewusste und gemeinsam getroffene Entscheidung, war eine eigene Lösung auf Matrix-Basis. Matrix ist ein offenes, dezentrales Protokoll für sichere Kommunikation, das damals technologisch reif, aber eher eine Sache von Entwicklern für Entwickler war. Die Vorteile: vollständige Datenhoheit (eigene Server, eigene Verschlüsselung), Föderation (Kommunikation mit anderen Trägern später möglich), offene Spezifikation (kein Vendor-Lock-in) und vollständige Anpassbarkeit an die Anforderungen des sozialen Sektors.
Der Nachteil: Matrix war 2018 noch nicht für Pflegekräfte gebaut, sondern für IT-Administratoren und Entwickler. Genau diese Lücke haben wir mit Caritas Kronach geschlossen.
Was wir gemeinsam gebaut haben.

Drei Beiträge haben den Caritas Messenger zu dem gemacht, was er heute ist.
Pflegegerechtes Frontend
Wir haben das Matrix-Frontend so umgebaut, dass eine Pflegekraft in der Schichtübergabe ohne IT-Schulung und ohne Konfigurations-Workshop, oft auf dem privaten Smartphone, sofort versteht, was sie tut. Standard-Matrix-Clients zeigen technische Konzepte (Räume, Föderation, Verschlüsselungs-Schlüssel) so, wie es für Entwickler sinnvoll ist. Wir haben diese Schicht vereinfacht, ohne die Sicherheits-Garantien aufzugeben, eine Disziplin, die wir später in den TI-Messenger-Client mitgenommen haben.

Synapse Admin als Open-Source-Beitrag
Matrix-Server (Synapse) waren 2018 über die Kommandozeile und manuell editierte Konfigurationsdateien zu administrieren. Für einen Sozialträger im Eigenbetrieb ist das keine Option. Wir haben Synapse Admin gebaut und unter Apache-2.0 veröffentlicht: github.com/Awesome-Technologies/synapse-admin. Das Werkzeug ist heute in Matrix-Communities weltweit in Verwendung, Teil des matrix-docker-ansible-deploy-Playbooks, und die Matrix-Hosting-Plattform etke.cc hat es zur Basis ihres eigenen Werkzeugs „Ketesa" gemacht. Eine Open-Source-Substanz, die im Markt auch unabhängig von uns weiterlebt.
Integrierte zertifizierte Videosprechstunde
Bereits 2018/2019 haben wir eine abrechnungsfähige Videosprechstunde in den Caritas Messenger eingebaut, also nicht nur Video-Telefonie, sondern eine, die den Anforderungen der KBV-Anlage 31b BMV-Ä entspricht und damit für die telemedizinische Versorgung in der GKV-Welt zulässig ist. Das war für eine Pflege-Kommunikations-Plattform früh, und es ist heute ein eigenständiges Modul der AMP Solution Suite (siehe Videosprechstunde).
Vom Kronach-Pilot zur Plattform-Substanz.
Was 2018 mit dem Caritasverband für den Landkreis Kronach e. V. begann, ist heute bei einer wachsenden Zahl von Trägern im sozialen Sektor im Einsatz. Die technische Substanz hat sich dabei auf zwei Weisen weiterentwickelt.
Architektur-Basis für den TI-Messenger
Als die gematik 2024/2025 die TI-Messenger-Spezifikation veröffentlicht hat, sind wir mit erheblicher Vorerfahrung in das Verfahren gegangen. Wir hatten Matrix nicht zu lernen, wir hatten es seit sechs Jahren produktiv im sozialen Sektor laufen. Der TI-Messenger (gematik TI-M Pro gematik-Zulassung für den TI-Messenger Pro seit 13.10.2025) baut auf derselben Matrix-Codebasis auf wie der Caritas Messenger: eine gemeinsame Codebasis mit unterschiedlichen Regulatorik-Layern.
Open-Source-Beitrag über uns hinaus
Synapse Admin ist heute in einer Vielzahl von Matrix-Deployments weltweit im Einsatz, von kleinen privaten Servern bis zu großen föderierten Communities. Dass etke.cc das Projekt zur Basis ihres Werkzeugs Ketesa gemacht hat, ist einer der besten Belege für eine erfolgreiche Open-Source-Geschichte: Was wir 2018/2019 für ein konkretes Caritas-Problem gebaut haben, hat in der Matrix-Community ein Eigenleben entwickelt.
Das heutige Messenger-Modul unter /loesung/#messengerWo der Caritas Messenger heute steht.
Im Caritas-Trägerverband ist der Caritas Messenger unter anderem beim Caritasverband für den Landkreis Kronach e. V. und beim Caritasverband Erlangen im Einsatz. Beide Träger sind auch öffentlich auf der Caritas-Messenger-Produktseite sichtbar.
Der Messenger trägt das Datenschutz-Gütesiegel der datenschutz.cert, einer unabhängigen Prüfgesellschaft für Internet privacy standards. Die Lösung ist „Made in Germany": Entwicklung in Würzburg, Hosting in Deutschland, und unterliegt damit allen rechtlichen Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit in der EU.
Heute ist der Caritas Messenger das Messenger-Modul der AMP Solution Suite. Er teilt eine Codebasis mit dem TI-Messenger, ist aber bewusst als eigene Variante geführt, weil viele soziale Träger keine TI-Anbindungspflicht haben und einen Messenger brauchen, der die DSGVO erfüllt, ohne die gematik-Anforderungen tragen zu müssen.
Wie der Caritas Messenger einzuordnen ist.
Vier Klarstellungen
- Der Caritas Messenger ist kein zugelassenes TI-Produkt. Er ist eine DSGVO-konforme, Matrix-basierte Kommunikations-Lösung für den sozialen Sektor. Wer TI-Messaging nach § 311/312 SGB V braucht, nutzt den AMP TI-Messenger; der Caritas Messenger ist die Variante für Kontexte ohne TI-Pflicht.
- Awesome Technologies hat Matrix nicht erfunden. Matrix ist ein offenes Protokoll der gemeinnützigen Matrix.org Foundation und der Firma Element. Wir nutzen es und tragen mit Synapse Admin zum Ökosystem bei, aber das Protokoll selbst ist nicht unser Werk.
- Nicht jede Caritas in Deutschland nutzt den Caritas Messenger. Der Deutsche Caritasverband umfasst über 25.000 Einrichtungen; wir sind bei einer überschaubaren Zahl von Trägern im Einsatz.
- Caritas Kronach hat nicht alles allein entschieden. Die Entscheidung gegen Stangen-Lösungen und für eine eigene Matrix-Plattform ist gemeinsam entstanden, in einem Sondierungs- und Architektur-Prozess. Genau diese Art Co-Innovation bieten wir heute als Service-Modell an (siehe Co-Innovation).
Welches Use-Case-Muster ist das?
Der Caritas Messenger instanziiert zwei Use-Case-Muster: „DSGVO-konforme trägerinterne Kommunikation im sozialen Sektor" und „Eigenbau einer Kommunikations-Plattform auf offenem Protokoll statt Stangen-Lösung". Strukturell anwendbar auf andere Sozialträger (Diakonie, AWO, DRK), kommunale Pflegeeinrichtungen, konfessionelle Krankenhäuser und weitere Bereiche mit Datenschutz-Anforderungen jenseits der TI-Spezifikation.
Mehr zum Messenger-Modul unter /loesung/#messenger.
